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Stress - der schleichende Tod der Liebe
In den vergangenen Jahren haben
Psychologen einen neuen und mächtigen Feind der Liebe entdeckt - Stress.
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass er zu den größten Risikofaktoren
für Beziehungen zählt. Warum er der Liebe so sehr schadet, hat unser
Autor recherchiert.

Risikofaktor für die Partnerschaft: Chronischer Stress kann
Schlaflosigkeit, sexuelle Unlust und Depressionen auslösen
Oh, das Fleisch brennt in der Pfanne an!
Die Kinder müssen ins Bett. Wo ist mein Mann? Er wollte doch den Salat
machen. „Lass mich endlich in Ruhe, ich muss noch was machen.“ „Ich habe
keine Lust mehr! Immer stehe ich alleine da, und er schwingt dann die
großen Reden.“
Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen
zeigen, dass Stress zu den größten Risikofaktoren für Beziehungen zählt.
Und dabei geht es nicht um die oft beschworenen kritischen
Lebensereignisse wie Verlusterfahrungen, schwere Krankheiten oder
Umweltkatastrophen. Es sind die kleinen Nadelstiche des Alltags, die die
Liebe schleichend abtöten.
Doch wieso gefährden scheinbar
unbedeutende Kleinigkeiten – wie beispielsweise die Kritik eines
Vorgesetzten oder das bevorstehende Abendessen mit Freunden – so etwas
Großes wie die Liebe? Am Institut für Familienforschung im Schweizer
Fribourg suchen Forscher seit Jahren nach Antworten, ihre Erkenntnisse
gossen sie in eine Stress-Scheidungstheorie.
„Chronischer Stress kann Schlaflosigkeit,
sexuelle Unlust und Depressionen auslösen und so eine Beziehung
nachhaltig beeinträchtigen“, erklärt der Psychologe und Direktor des
Instituts, Guy Bodenmann. Zudem würden durchaus vorhandene Kompetenzen
bei Stress zusammenbrechen.
Besonders die Kommunikation leidet: Unter
Anspannung wird viel mehr genörgelt und kritisiert, häufig im
aggressiven Unterton – was einer klärenden Aussprache entgegensteht.
„Auch Merkmale wie Rigidität, Intoleranz oder Schwermütigkeit treten oft
erst unter Belastungen zutage“, sagt Bodenmann. Schließlich unterhöhle
Stress das so wichtige Wirgefühl von Paaren. „Durch Überstunden im Büro,
Bearbeitung von Akten am Wochenende oder Geschäftsreisen bleiben kaum
Möglichkeiten der befriedigenden emotionalen und sexuellen Begegnung“,
sagt der Psychologe.
Stress ist somit ein schleichender Feind
von Partnerschaften, er untergräbt sie heimlich und lange Zeit
unbemerkt. Wie Rost an einer Eisenstange nagt Stress so lange an der
Liebe, bis sie zusammenbricht. Doch sind Paare diesem Zerfall
hoffnungslos ausgeliefert?
Neuere Untersuchungen sprechen dagegen:
Danach ist nicht das Ausmaß von Stress für die Qualität von Beziehungen
entscheidend, sondern der Umgang mit den Belastungen. Mehr noch als die
individuelle, scheint eine partnerschaftliche Stressbewältigung für eine
glückliche Liebesbeziehung entscheidend zu sein.
Doch wie kann er aussehen, der gemeinsame
Kampf gegen den Liebestöter Stress? Nach Meinung der Wissenschaftler vom
Fribourger Familieninstitut ist dieser Kampf lernbar. In Ratgebern und
kompakten, zweitägigen Seminar zeigen sie Paaren, wie sie die Liebe auch
im stressigen Alltag pflegen und beschützen können.
Schleppt ein Partner den Stress von außen
an, gibt es nur eins: „Der angespannte Partner muss seinen Stress klar
und direkt ausdrücken“, rät Bodenmann. Nur so könne der andere eine
angemessene Unterstützung anbieten. Die Hilfe kann dann ganz konkret
erfolgen: Mithilfe bei der Suche nach Lösungen für das Problem oder
Schaffung von Freiräumen durch eine bessere Organisation des Alltags.
Doch da Stress viel mit Gefühlen zu tun
hat, dürfe die emotionale Seite nicht vernachlässigt werden.
„Verständnisvolles und interessiertes Zuhören ist da ein erster
Schritt“, sagt der Psychologe. Gutes Zureden, Mut machen, aber auch
Massagen oder zärtliche Liebkosungen können angebracht sein. Wichtig
ist, sich mit dem gestressten Partner zu solidarisieren. Doch gut
gemeint ist noch nicht gut gemacht. „Die Unterstützung darf nicht zu
Abhängigkeit oder Bevormundung führen“, warnt der Psychologe.
Doch was ist, wenn der Stress über beide
Partner gleichzeitig hereinbricht? Wenn der andere als ausgeruhte Stütze
wegfällt? Schließlich betreffen viele Belastungen beide Partner: Die
Geburt eines Kindes, ein bevorstehender Umzug oder die Vorbereitung
eines Abendessens für Freunde.
Da Stress immer ein subjektives Ereignis
ist, sollten die Partner zuerst ihre Einschätzungen von der Situation
vergleichen. Bei der gemeinsamen aktiven Bewältigung sollten die Partner
dann klar die sachliche von der emotionalen Ebene unterschieden.
Oft jedoch verschleiern Gefühle den Weg
zur nüchternen Lösung. Emotionaler Stress wird von den meisten Paaren
als noch belastender erlebt als sachlicher. Doch auch hier lautet die
Devise der Forscher: Gemeinsam kämpft man besser. „Partner können hier
enorm viel Kraft voneinander beziehen“, sagt Bodenmann. Zunächst sollten
die Partner über gegenseitiges Verständnis näher zusammenrücken. Nach
der Devise: Der Partner wird zu meinem stärksten Verbündeten. Gemeinsame
Tätigkeiten können dann zur aktiven Bewältigung eingesetzt werden.
„Sport oder Entspannungsrituale sind hier besonders wirksam“, sagt
Bodenmann.
Über diesen Weg führe der gemeinsame
Kampf gegen Stress nicht nur zur Reduzierung der Belastungen. Er führe
auch zum Wachsen des Vertrauens und der Intimität zwischen den Partnern.
„Es wird die Gewissheit etabliert, dass auf den anderen Verlass ist“,
sagt der Psychologe. Dies alles stärke die Partnerschaft für eine
gemeinsame, glückliche Zukunft.
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